Mt. Everest 2004
Mt. Everest 8850 m - Expedition Mai 2004
Bericht: Paul Koller
Nachdem ich ein Jahr zuvor den Gasherbrum II mit 8035 Meter besteigen konnte, entschied ich mich recht kurzfristig Ende Jänner 2004, den Everest zu versuchen. Die Zeit war, was meine berufliche Zeitplanung betraf, gerade günstig und ich konnte es mir erlauben, knapp 2 Monate auf Expedition zu gehen. Körperlich fühlte ich mich fit und aufgrund meiner bisherigen Unternehmungen auch mit der notwendigen Reife für so einen hohen Berg ausgerüstet.
Anreise
Von München über Doha flogen wir nach Katmandu und später weiter nach Lhasa. Nach mehrtägiger Fahrt mit dem Geländewagen über das tibetanische Hochland erreichten wir den letzten Pass, von wo aus wir das erste Mal den Mt. Everest mit seinen 8850 Metern Höhe zu Gesicht bekamen. Eine gigantische Pyramide überragte um fast 2000 Meter die benachbarten Berge. Gut 100 Kilometer stand er noch entfernt und beeindruckte mit seinen steilen, felsigen Flanken und den gewaltigen Schneefahnen am Gipfel. Hier am Pass in ca. 5000 Metern Höhe war es schon sehr kalt, „wie kalt mag es wohl da oben sein?“ Die ständig wechselnden Schneefahnen ließen Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Stundenkilometer erahnen. Mit dem Fernglas konnten wir Einzelheiten wie das Great Couloir und den Nordgrat erkennen, über den wir zum Gipfel steigen wollen. Mir kamen langsam Zweifel, in Anbetracht dieser Dimensionen, ob wir uns da nicht zuviel zugemutet haben? Ich grübelte und fühlte mich wie „David, der Goliath besiegen will“.
Unser kleines Expeditionsteam bestand insgesamt aus drei Bergsteigern: Jaques MARMET, ein lustiger Franzose aus Strassburg, Dr. Klaus MEES ein Höhenmediziner aus München, der bereits 2003 mit mir am Gasherbrum II stand - und ich. Zusätzlich hatten wir noch drei Sherpas, einen Koch und einen Küchenhelfer für die Begleitung und Betreuung während der Expedition engagieren können. Die Expedition wurde von uns selbst organisiert.
Base Camp und erste Ausflüge nach oben
Die ersten Tage vergingen mit Lagerbau und kleineren Erkundungsgängen bis auf knapp 6000 Meter hinauf. Das Gelände ringsum besteht nur aus steilen Moränenschutt und Geröll. Wir mussten sehr aufpassen, ein verstauchter Knöchel könnte schon das vorzeitige Aus bedeuten. Hunderte von kleinen Zelten in allen Farben säumten das Tal. Es waren Personen aus allen Erdteilen zusammengekommen, alle mit dem einen Ziel - den Mt. Everest zu besteigen. Von chinesischen Lageroffizieren erfuhren wir, dass es ca. 300 Personen waren, die den Berg in dieser Saison versuchen wollen.
Nach einigen Tagen Aufenthalt und Höhenanpassung starteten wir mit ca. 20 Jacks und einigen Trägern hinauf zum Advanced Base Camp - kurz ABC genannt. Da wir diesen langen Marsch über 27 Kilometer Moränenschutt und Gletschereis nicht zu schnell angehen durften, schlugen wir in 5800 Meter mitten im Moränenschutt des Gletschers ein Zwischenlager auf.
Einen Tag später marschierten wir auf der endlos langen Mittelmoräne weiter, vorbei an bizarren Eisformationen und erreichten am frühen Nachmittag das ABC in 6400 Meter Höhe. Die Träger hatten inzwischen schon einen Lagerplatz ausgekundschaftet und waren eifrig dabei, das Mannschaftszelt und die Küche zu errichten. Das ABC auf einer Seitenmoräne unterhalb einer riesigen Felswand erstreckte sich auf einem halben Kilometer und im Laufe des fünfwöchigen Aufenthalts wuchs dieses Camp zu einer riesigen Zeltstadt von mehreren hundert Zelten an.
Akklimatisationsphase am Berg
Unsere Höhenanpassung funktionierte ohne große Probleme und wir konnten Anfang Mai bereits unsere höchste Nacht auf 7500 Metern verbringen. Nach dem schon gewohnten langen Abstieg ins Tal hieß es abwarten - bis uns hoffentlich die Meteorologen aus Europa per Sattelitentelefon ein mehrere Tage anhaltendes Schönwetter ohne Wind prognostizierten. Ohne Wind war wichtig, hatten wir doch schon ordentliche Stürme am Berg miterlebt und bei solchen Winden ist es unmöglich den Everest zu besteigen.
16. Mai 2004 - Erfolgsdruck kommt auf
Das lange Abwarten wurde mit einer kurzen Schönwetterphase belohnt. Die mussten wir sofort nutzen, da sich das Wetter in den Tagen darauf wieder verschlechtern und mehrere Tage anhalten sollte.
Klaus und ich starteten um ca. 07 00 Uhr aus dem Advanced Base Camp in 6400 Metern Höhe. Jaques wollte mit seinem Sherpa einen Tag später folgen. Wir gingen gemeinsam los. Nach einer halben Stunde merkte Klaus, dass er seine Wasserflasche vergessen hatte und drehte um, um sie zu holen. Ich ging inzwischen langsam weiter und erreichte das North Col. Ich wartete gut zwei Stunden bis Klaus das North Col erreichte. Klaus hatte keinen optimalen Tag und kam nur langsam voran. So einigten wir uns, dass wir uns trennen. Ich wollte an diesem Tag so weit hinauf wie möglich. Eventuell sogar bis auf 8300 m, um mir eine gute Situation für einen Gipfelversuch zu schaffen. Von nun an stieg ich alleine weiter - völlig auf mich gestellt mit einem Minimum an Ausrüstung. Sehr zügig kam ich voran und passierte dabei einige andere Bergsteiger. Gegen Abend kurz vor der Dämmerung erreiche ich 7900 Meter. Für weiter hinauf reichte die Kraft nicht mehr und ich gönnte mir eine Pause. Im Windschatten eines großen Felsblockes begann ich zu kochen und bereitete mich auf die Nacht ohne Zelt und Schlafsack vor. Es war nicht besonders kalt, vielleicht -15°C. Ich schmolz Schnee und füllte meine Trinkflaschen. Den Trinkbeutel trug ich wie einen Rucksack unter der Kleidung. Dadurch konnte er nicht einfrieren, verhielt sich wie eine Wärmflasche und wärmte den Rücken. Ein gutes System, das ich mir schon vor Jahren für eine Alaskaexpedition gebastelt hatte. Mein 8000 m Suit (Daunenoverall) wärmte mich und ich fühlte, wie Erholung sich einstellte. Sitzend auf einer kleinen Isomatte aus meinem Rucksack nickte ich langsam ein.
17. Mai 2004 - Gipfelgang
Um 22 00 Uhr klingelte der Wecker. Die Nacht war kurz. Schon um 22 30 Uhr kletterte ich weiter über loses Schuttwerk in Richtung Lager 3 wo ich zahlreiche Bergsteiger erwartete. An manchen Stellen waren Fix-Seile, an denen ich mich sichern konnte. Mit der Stirnlampe leuchtete ich mir den Weg durch die Nacht und erreichte bald das kleine Sauerstoffdepot in 8300 Metern Höhe, das uns die Sherpas für Notfälle angelegt hatten. Jetzt lag es an mir „by fair means“, also ohne Flaschensauerstoff weiter oder mit. Ich entschied mich für die Flasche. Die Gefahr von Erfrierungen an Händen und Füssen schien mir einfach zu groß. Auch die Gefahr des früher eintretenden Wetterumschwungs und der damit verbunden längere Höhenaufenthalt wären riskant. Hinzu kam noch die in diesem Fall gefährliche Möglichkeit eines „Staus“ an den Schlüsselstellen durch andere Bergsteiger, die ebenfalls den Höhenaufenthalt verlängerten. Sollte dann einer - der Erschöpfung nahe - den Second Step blockieren, dann ist man ausgeliefert. Die Zeitreserven werden unbedingt zum Absteigen gebraucht. Es wäre fast wie, „den Tod in Ratenzahlung riskieren!“ Mit einer falschen Entscheidung ist die erste Rate schon bezahlt.
Ich erreichte in der Morgendämmerung den Grat auf 8400 Metern. Der Gipfel hatte eine riesige Windfahne und war mit einer großen Wolke bedeckt. Ich wartete ab. Gut eine Stunde saß ich da. Einige andere Bergsteiger waren bereits hier. Alle waren unsicher und zögerten, weiter zu gehen. Ihnen gefiel das Wetter auch nicht. Manche begannen den Rückzug und bald folgten ihnen alle nach. Ich wartete, während sie an mir vorbei nach unten kletterten und beobachtete weiter das Wetter. Plötzlich begannen sich die Wolken aufzulösen und die Sonne kam durch. Sofort entschied ich mich weiterzugehen – jetzt oder nie. Die Chance in 2-3 Stunden am Gipfel zu sein war da. Nur eine Mannschaft war noch voraus. Sie hatte bereits den „Frist Step“ überklettert. Es waren Markus und Fritz mit ihren Sherpas, die bereits einen Tag vor mir aus dem ABC losgezogen waren. Ich folgte Ihren Spuren. Nun war ich alleine in über 8400 Meter. Was für ein unbeschreibliches Gefühl, am höchsten Berg der Welt alleine unterwegs zu sein. Viele Geschichten und Tragödien vom Everest zogen in meinem Kopf vorbei und mahnten bei jedem Schritt zur Vorsicht.
Die berühmten Stufen, die drei „Steps“ am langen Nord-Ost-Grat hatten es wirklich in sich. Hier haben sich schon viele Leute „die Zähne ausgebissen“. Steile abschüssige Platten mussten mit den Steigeisen erklettert werden. Lange Quergänge an desolaten windgepeitschten Seilen. Auch an toten Bergsteigern kam ich vorbei. Dann die Schlüsselstelle, ein 40 Meter hoher senkrechter Steilaufschwung, der mit schlechten Seilen und Leitern gesichert ist. Diese Stufe kostete mich enorm viel Kraft. Danach wurde ich merklich langsamer, schloss aber bald zu den zwei Tirolern auf. Gemeinsam kletterten wir weiter und erreichten den Gipfel am 17. Mai um ca. 9 00 Uhr. Ein langer Aufstieg war zu Ende, ein Traum ging in Erfüllung. Wir standen am Zenit der Welt. Nichts war höher ringsum. Nur einige Wolken stiegen langsam höher und trübten die Sicht. Der Gipfel war übersäht von Utensilien. Neben Gebetsfahnen waren Bilder in Glasrahmen, Sauerstoffflaschen und unzählige Wimpel am Gipfel deponiert. Eine Schweizer Flagge wurde, wie ich später erfuhr, von einem Jugendfreund hier tags zuvor hinterlassen, der den Gipfel von der Südseite her erreichte. Unten am Südgipfel sah ich noch zwei Bergsteiger. Einer davon war, wie ich nachher aus dem Internet erfuhr, Robert Schauer aus Graz, der den Gipfel bereits zum dritten Mal besteigen konnte.
Die Wolken verhießen nichts Gutes, es blieb keine Zeit zum Träumen. Das Wetter verschlechterte sich etwas, Schneeschauer zogen an der Nordseite des Berges vorbei und wir mussten uns nochmals voll konzentrieren und alles aus uns herausholen, um wieder heil nach unten zu kommen. Auf ca. 8400 Metern war dann meine Sauerstofflasche leer. Von da an stieg ich „ohne“ hinunter. Meine Reserve wollte ich mir für den Notfall aufheben. Beim Abstieg waren Markus und Fritz schneller als ich, ihre Sherpas trugen ihre Lasten, während ich mein Gepäck selbst schleppte.
Es war schon lange wieder dunkel, als ich mein Lager 2 - ein Sturmzelt in 7500 Metern erreichte. Der schwere Rucksack, ich hatte alle Depots abgebaut und mit nach unten transportiert, hatte meine ganze Kraft gefordert. So kroch ich in den Schlafsack und schlief lange und tief bis zum nächsten Morgen.
18. Mai 2004 – Abstieg und Rückkehr ins Leben
Noch schien die Sonne, ich packte langsam zusammen, lud weitere Ausrüstung auf den Rucksack und stieg ab. Vorbei an unzähligen Bergsteigern, die teilweise schon mit Flaschensauerstoff unterwegs waren. Als ich wieder das Advanced Base Camp erreichte, realisierte ich langsam meinen Erfolg am höchsten Berg der Welt. Ich war sehr müde und ausgelaugt, die Augen schmerzten, ich konnte das Licht kaum ertragen, aber ich war gesund ohne ernsthafte Erfrierungen - wieder zurück vom Berg.
Das Wetter verschlechterte sich tatsächlich und die Tage darauf starben acht Menschen am Mt. Everest. Einige stürzten ab, einige erfroren und andere starben an der berüchtigten Höhenkrankheit. Einigen Sherpas gelang es, noch ein paar Personen nach unten zu bringen, doch oberhalb vom Lager 3 auf 8300 Meter war keine Hilfe möglich. Ich konnte während meiner Erholungsphase per Funk ihre langsamer werdenden Funksprüche miterleben bis sie langsam verstummten. Es war grauenvoll. Am selben Berg zu sein und nicht helfen zu können. Es dauerte Tage, bis ich diesen Umstand der Hilflosigkeit verarbeitet hatte.
Persönliches Resümee
Der Mt. Everest ist ein Magnet, wer von ihm angezogen wird, kommt nur schwer davon weg. Der Erfolgsdruck ist gewaltig. Der Aufwand ist groß und wenn man vor der Entscheidung steht, aufsteigen oder nicht, neigt man gerne dazu, unkalkulierbares Risiko in Kauf zu nehmen. Bei der kleinsten Verzögerung oder Unüberlegtheit kann das schon der erste Schritt in den Tod sein. Der Rand zum Menschenmöglichen ist dort oben schneller erreicht den je.
Der Massentourismus hat am Everest eingesetzt und er wird weiter seine Opfer fordern. Die Tragödie, die sich dort oben 1996 abgespielte, ist in die Geschichte eingegangen, weil ein Journalist davon berichtet hat. Solche Tragödien spielen sich dort jedes Jahr ab und sind inzwischen normal geworden, es berichtet niemand mehr davon. Sollte der Zustrom zum Gipfel anhalten und die Quergangs- und Fixseile nicht besser verankert werden, kann jeder Zeit eine Katastrophe durch einen Seilschaftsabsturz eintreten, bei dem gleich mehrere Bergsteiger mitgerissen werden. Sich den Mt. Everest finanziell leisten zu können, ist mittlerweile vielen möglich. Aber infolge mangelnder Erfahrung und Routine kann es ein teurer Berg werden. Er kann das Leben kosten. Meistens geht es gut, aber wer weiß schon, wie nahe er an der Schwelle des Todes gestanden ist?
Jaques hat am 18. Mai den Gipfel erreicht. Als ich Ihn im Zelt auf 8300 Meter während meines Abstieges gesehen habe, lag er da drinnen und konnte ohne künstl. Sauerstoff kaum sprechen, so erschöpft war er. Ich machte mir Sorgen und dachte mir „hoffentlich geht das gut“. Trotzdem sind sie am darauf folgenden Tag zum Gipfel aufgestiegen und haben ihn auch erreicht. Sein Sherpa hat Ihn am 20. Mai aus der Sturmhölle des Berges wieder ins ABC zurückgebracht. Jaques war überglücklich, weinte immer wieder vor Freude. Das dort oben Erlebte wird dennoch auch in Ihm seelische Wunden hinterlassen haben. Ein Honorar von einigen tausend Dollar hat ihm den Gipfel ermöglicht - oder das Leben gerettet. Es ist wie vieles - eine Betrachtungsweise.
Klaus hatte keinen guten Tag. Er stieg am 17. Mai weiter bis über 8000 Meter hinauf und kehrte dann um. Er hatte sich seine Entscheidung umzukehren sicher nicht leicht gemacht, aber sich damit für das Leben entschieden. Inzwischen plant er einen neuen Versuch von der Südseite. Ich wünsche ihm viel Glück, dass er sein Ziel erreicht – und wieder gesund zurück kommt!
Ich bedanke mich bei allen, die mich bei dieser Expedition unterstützt haben und wünsche allen, die den Everest besteigen möchten, alles Gute und eine heile Rückkehr!
