Grönland 2006
Grönland Expedition 2006
Unterwegs: Paul Koller / Florian Piper
27.05. - 26.06.2006
Wir waren zu zweit. Florian Piper und ich. Das Ziel war klar: Innerhalb von 25 Tagen wollten wir 600 km des grönländischen Eises zu Fuß und per Ski überwinden - und auf direktem Kurs von Westen aus die Ostküste bei Isortog erreichen.
Die Strecke, die wir uns vorgenommen hatten, folgt weiter nördlich den Spuren des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen. Er war der erste Mensch, der hier von Ost nach West unterwegs war - im Jahr 1988.
Wir haben unsere Expedition als Entdeckungsreise verstanden. Eine Reise auf historischen Spuren und auf den Spuren des Klimawandels.
Die Temperaturen variieren hier zwischen -15 ° (tagsüber) bis -25° (nachts). Um die Distanz von 600 km in 25 Tagen zu bewältigen, mussten wir im Schnitt an die 30 km pro Tag zurück legen. Das Einteilen unserer Kräfte mit den notwendigen Pausen zur Regeneration war die unabdingbare Voraussetzung zum Gelingen unseres Vorhabens.
Jeder von uns zog einen Schlitten - eine Pulka, in der wir unsere Ausrüstung und Verpflegung verstaut hatten. Die anfänglich ca. 100 kg Gewicht jeder Pulka reduzierte sich im Verlauf der Tour um ca. 20 kg Lebensmittel.
Mit der Hoffnung auf gute Windverhältnisse steckten in unseren Pulkas zwei Kite-Schirme. Sollten wir diese einsetzen können, wäre das DIE Chance auf viele - leicht hinter sich zu lassende - Kilometer ;-)
Was sind äußere, potentielle Gefahren bei einer derartigen Expedition im endlosen Weiß?
Orientierungslosigkeit. Hierfür waren wir mit GPS ausgestattet.
Eisbären. Eisbären können bis weit auf die Insel vordringen. Hierfür hatten wir ein Gewehr dabei (...).
Gletscherspalten. Die Überwindung von Gletscherspalten kann viel Kraft und Zeit kosten.
Tourenverlauf
Die ersten fünf Tage
Wir starteten bei bestem Wetter: Sonne, ca. 10°C. Aber gemütlich konnten wir es nicht angehen lassen. Das unebene Gelände verlangte uns gleich zu Beginn einiges ab. Die schweren Schlitten (nun doch bei ca. 140 kg inkl. Essen für 25 Tage inkl. 5 Tage Notration + Kameraausrüstung und Technik) ließen sich mit gemeinsamer Kraft nur einzeln vorwärts bringen. Kein Wind, inzwischen ca. +2°C.
In den nächsten Tagen lernten wir ständig dazu. Zum Beispiel, dass die frühen Morgenstunden aufgrund der Schneeverhältnisse auch hier die wichtigsten zum Vorwärtskommen sind. Im Verlauf des Tages wird der Schnee schwer und pappig. Wir begannen den Tag also um 3:00 Uhr mit Frühstück, packen und Zeltabbau, damit wir um 5:00 Uhr starten konnten.
Gletscherbrüche mit Eisrücken waren zu erklettern. Teilweise offene Eisbäche zu überqueren. Ein Einbrechen ließ sich manchmal nicht verhindern und wir standen zeitweilig bis zu den Knien in Eiswasser. Manche der oft 1-1,5 Meter hohen Sastrugi Felder (Bodenwellen aus Eis) ließen sich begehen, andere wollten umgangen werden.
Inzwischen war das Wetter wechselhaft: Windig, bewölkt und dann wieder Sonne.
Am Ende des vierten Tages hatten wir den schwierigen Anstieg durch Bruch und Eisbäche geschafft. Eine endlos erscheinende Schneeebene lag vor uns.
Der 6. bis 11. Tag
Unser nächstes Ziel: "DYE II" (eine verlassene amerikanische Radarstation aus Zeiten des Kalten Krieges). Circa 144 Km wollten wir in sechs Tages schaffen.
Starker, eiskalter Wind mit einer Geschwindigkeit von ca. 50 Km/Std. stellte sich uns frontal gegenüber. Telefonieren zwecks Tagesmeldung ging nicht, da die Akkus wegen der Kälte nicht funktionieren. Alle zwei Stunden machten wir eine Pause, tranken etwas heißes aus der Termosflasche und aßen Energie- oder Müsliriegel. Es waren nur kurze Pausen, damit unsere Körper nicht auskühlten. Manchmal kam sogar die Sonne raus. Abends kräftigten wir uns mit allem, was möglichst viel Kalorien liefert.
Am 8. Tag sahen wir nichts mehr. Tiefhängende Wolken, alles weiß-grau, kein Unterschied zwischen Himmel und Erde: White-Out. Dank GPS, Satellit und Marschzahl am Kompass hinderte uns das nicht am Weiterkommen. Immer weiter gings bergauf. Der Wind ließ langsam nach und mit ihm die Kälte.
Ein Tag folgte dem nächsten. Wir waren im Rhytmus: 3.00 Uhr aufstehen, Wasser kochen, Packen, Zelt abbauen und gehen - bis nachmittags ca. 15.00 Uhr. Zelt wieder aufbauen, Kocher anwerfen, Eis schmelzen .....
Der 12. Tag
Bereits um 2.00 Uhr war es uns klar, dass es draußen nicht klar war: Wind gut, aber White Out. In dem Fall nützte uns der Wind nichts. Segeln mit unseren Kytes war nicht möglich, da wir uns dabei nicht aus der Sicht verlieren durften. Wir starteten also "ganz normal" gegen 5.00 Uhr mit unserem letzten Tagesmarsch zu DYE II. Als wir es dann doch trotz White Out mit dem Segeln versuchten - im Tandem - war er Wind zu schwach für das ganze Gewicht (uns beide und die Pulkas zusammen). Wir schafften es also letztlich mit Gehen - und wurden in der Nähe der Station sogar abgeholt. Mit einem Skidoo, das von Lou gelenkt wurde. Lou und ihr Mann Mark leben jährlich fünf Monate allein auf der Station und steuern von hier die amerikanischen Herkules Flieger. Wir dürfen uns als herzlich willkommene Gäste fühlen, werden eingeladen zu Kaffee, Keksen, Bier und Steak vom Grill! :-) Die Nacht verbringen wir in dem - für uns - behaglichen Materialzelt mit Ofen :-)))
Der 13. bis 24. Tag
Um 6.00 Uhr gingen wir am nächsten Tag auf neuen Kurs zu unserem nächsten Etappenziel: "Summit , ca. 103 Km von DYE II entfernt. Von dort sollte es dann nochmal ca. 200 KM bis zur Ostküste gehen. Unser Gepäck hatten wir etwas entlastet, indem wir Ausrüstungsgegenstände, die wir nicht mehr brauchten, bei Lou und Mark ließen. Allerdings war das Wetter weniger schön: Schneegestöber und noch immer keine Sicht. Zumindest hatten wir den Wind nun im Rücken. Zusammen mit dem etwas leichteren Gepäck konnten wir also gute Km machen und kamen zusammen mit einem Schneesturm an unserem Tagesziel an.
Inzwischen achteten wir vermehrt auf unser Strom-Kontingent. Es galt auf jeden Fall, genügend Strom für einen etwaigen Notfall zu haben. So gingen die Tage und Nächste dahin und wir marschierten weiter, bauten Lager auf und wieder ab - und konzentrierten uns auf unser großes Ziel: TASSIlAQU an der Ostküste . Dieses wollten wir am 22. Juni - am 24. Tag - erreichen.
Am 21. Juni - Sommeranfang - waren die Wetterbedingungen so miserabel, dass wir unsere Tour schon nachts fortsetzten. Schneeblind arbeiteten wir uns im White Out vorwärts, nur noch auf ein einziges Ziel focussiert: Inlandeis/Camp 24. Hier sollte uns das Pro7 Fernsehteam erwarten.
Und das war auch so. Das Team mit Redakteur Karsten Scheuren und Kameramann Axel Funck reiste schon Tage zuvor nach Ostgrönland. Sie nahmen die abenteuerliche Reise erst mit dem Helikopter, dann zwei Tagesetappen mit dem Hundeschlitten und Inuit (grönländischer Begleiter namens Salomon) aus Isortoq auf sich, um uns an dieser GPS Koordinate im Niemansland auf dem Inlandeis zu treffen. Am 22.6. erreichten sie den Treffpunkt N66 W39 und errichteten dort ein Basecamp, in dem sie auf uns warteten. Wir waren extrem motiviert, diesen Zielpunkt ebenfalls am 22.6. zu erreichen und haben nach einer Pause am späten Nachmittag in einem ausgehobenen Schneeloch im Sturm die letzten Kilometer abgerissen. Was wir empfanden, als wir das Camp (zwei Zelte, Hundeschlitten und 14 Hunde) im Sturm auf ca. 500 m Entfernung ausmachten, lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Wir hatten unser Ziel erreicht! Mit Jubel und Umarmungen lösten wir uns von den fast 600 gegangenen Kilometern Grönlands.
